Schleifmühlgasse 12-14

 

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Kreativer Kapitalismus?


Monika Mokre


1. Einleitung


Ein Gespenst geht um in Europa. Allerdings nicht das Gespenst des Kommunismus, sondern das Gespenst der Kreativität.

Wobei dazu zu sagen ist, dass dieses Gespenst eigentlich kein spezifisch europäisches ist – wir finden es etwa auch in Indien oder China und selbstverständlich in den USA.

Andererseits ist es insofern spezifisch EUropäisch, als es besonders gerne durch Dokumente der Europäischen Kommission geistert. Dazu einige Beispiele:

„Kreativität ist die Grundlage sozialer und technologischer Innovationen und damit eine wichtige Antriebskraft für Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze in der EU.“
(MITTEILUNG DER KOMMISSION AN DAS EUROPÄISCHE PARLAMENT, DEN RAT, DEN EUROPÄISCHEN WIRTSCHAFTS- UND SOZIALAUSSCHUSS UND DEN AUSSCHUSS DER REGIONEN über eine europäische Kulturagenda im Zeichen der Globalisierung, 2007)

„Kreativität und Innovation tragen sowohl zu wirtschaftlichem Wohlstand als auch zum gesellschaftlichen und individuellen Wohlbefinden bei.“
(Homepage des Europäischen Jahrs der Kreativität und Innovation 2009)

„In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Welt mit höherer Geschwindigkeit gedreht. Für Europa und andere Teile der Welt bedeutet die rasante Ausbreitung neuer Technologien und die zunehmende Globalisierung einen Paradigmenwechsel von der traditionellen Produktion zu Dienstleistungen und Innovation. Fabrikshallen weichen immer mehr Kreativgemeinschaften, deren Rohstoff die Fähigkeit ist, sich etwas vorzustellen, etwas völlig neu zu denken und entstehen zu lassen.“
(GRÜNBUCH. Erschließung des Potenzials der Kultur- und Kreativindustrien 2010)

Was wir daraus lernen (sollen), ist (1) dass Kreativität für alle Lebensbereiche, insbesondere aber für die Wirtschaft wichtig ist und (2) dass dieser Fokus auf Kreativität etwas völlig Neues darstellt und daher auch ganz neue Chancen eröffnet. Während sich die europäische Kommission in Bezug auf diese Chancen insbesondere auf strukturelle Fragen bezieht, gibt es eine Fülle anderer Literatur, die uns als Individuen erklärt, warum gerade für uns Kreativität neue Möglichkeiten eröffnet. Als ein Beispiel von einer Website zu Selbstmanagement:

„Jeder ist kreativ! Auch wenn Sie glauben, dass Kreativität ein Buch mit sieben Siegeln ist - Sie sind kreativ. Das bedeutet, Sie müssen nichts neues lernen, sondern "nur" die Einstellung, die Überzeugung wiedererlangen.“
http://www.selbstmanager.eu/selbstmanagement/ressourcen/kreativitaet/index.php

Was uns hier also geboten wird, ist im Wesentlichen eine Heilslehre: wir haben hier etwas völlig neues (Revolution ist der Begriff der Wahl – siehe etwa Wolf Lotter: Die kreative Revolution), das für uns alle gut ist und das wir alle können. Was kann uns Besseres passieren?
 

2. Diskurse


Wenn ich mich nun im folgenden auf eine etwas andere Art mit dem Thema „Kreativer Kapitalismus“ auseinandersetze, so tue ich das auf der Grundlage einer recht einfachen theoretischen Annahme, die den Diskurs in den Mittelpunkt des Verständnisses von Gesellschaft und Macht stellt. Diskurse beschreiben nicht eine objektive Wirklichkeit, sondern sie schaffen Wirklichkeiten. Anders formuliert: Es mag objektive Wirklichkeiten geben, aber es gibt keine objektiven Erkenntnisse. Insofern sind es auch nicht völlig neue Tatsachen, die völlig neue Diskurse hervorbringen, sondern wir können Diskurse nur aus älteren Diskursen entwickeln, durchaus auch in Opposition zu dem, was schon früher gesagt wurde, aber wir denken, sprechen und handeln nicht völlig neu.

Und Diskurse haben stets etwas mit Macht zu tun, sie schaffen spezifisches Wissen, das eine Wirklichkeit erzeugt, die für bestimmte Formen der Macht nützlich ist. Im Folgenden möchte ich gerne darstellen, auf welche älteren Diskurse der derzeitige Kreativitätshype aufbaut und in welcher Art und mit welcher Funktion er Elemente dieser älteren Diskurse neu kombiniert. Dabei gehe ich davon aus, dass wir hier drei große Diskursstränge wiederfinden können – die der (kapitalistischen) Ökonomie, die der (demokratischen) Politik und die des Kunstfelds.



3. Diskurse des Kapitalismus


Ohne hier in die Tiefen unterschiedlicher Verständnisse von Kapitalismus zu gehen, denke ich, dass wir uns einig sind, dass sich Kapitalismus durch das Privateigentum an Produktionsmitteln und die Vermittlung zwischen den Produzent_innen über Märkte auszeichnet – und diese grundlegenden Eigenschaften des Kapitalismus werden auch heutzutage kaum problematisiert. Und auch wird kaum problematisiert, dass der Erfolg des Wirtschaftssystems wie auch des einzelnen Unternehmers auf ständigem Wachstum beruht, das über die Erschließung oder Schaffung neuer Märkte zu erzielen ist – also durch Globalisierung (in kolonialer oder post-kolonialer Form) und durch die Schaffung neuen Bedarfs.

Das Feindbild derer, die eine kreative Revolution gegen die bestehende Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ausrufen, ist nicht der Kapitalismus an sich, sondern der Industriekapitalismus, der in der massenweisen Fertigung gleichartiger Güter besteht, die in gleichförmigen Arbeitsschritten durchgeführt wird. Diese Kritik richtet sich gegen ein Wirtschaftsmodell – die Absatzmärkte für solche Massengüter werden kleiner oder wachsen zumindest nicht ausreichend, um den Erfolg des Systems zu gewährleisten. Es bedarf der Schaffung mindestens scheinbar neuer Produkte, um die Nachfrage stabil zu halten oder steigern – neue Computerhard- und software, neue Designs für Gebrauchsgegenstände, neue Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Oder, in den Worten von Wolf Lotter: „Ideen sind wichtiger als Produkte.“

Dieses Konzept ist allerdings nicht ganz neu. Schon in den 1940er Jahren hat Joseph Schumpeter ein Bild des Kapitalismus gezeichnet, das sich eben nicht durch konstantes Wachstum auszeichnet, sondern durch ständige Zerstörung des Alten durch Innovation:
„Die Eröffnung neuer, fremder oder einheimischer Märkte und die organisatorische Entwicklung vom Handwerksbetrieb und der Fabrik zu solchen Konzernen wie dem U.S.-Steel illustrieren den gleichen Prozess einer industriellen Mutation – wenn ich diesen biologischen Ausdruck verwenden darf –, der unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert² , unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft. Dieser Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ ist das für den Kapitalismus wesentliche Faktum. Darin besteht der Kapitalismus und darin muss auch jedes kapitalistische Gebilde leben.“

Andererseits wird dem Industriekapitalismus – durchaus plausibel – ein Gesellschaftsmodell zugeordnet, in dem Individuen als Teil einer Masse gesehen werden, die sowohl die Arbeits- als auch die Freizeit mit ähnlichen und gleichförmigen Beschäftigungen verbringt. Noch einmal Wolf Lotter:
„Einer der fatalsten Systemfehler des Industriekapitalismus ist seine Gleichmacherei, seine auf einen Standard, eine Meinung – auf geistige Reproduktion – abzielende Grundhaltung.“ Demgegenüber wird heutzutage ein Bild des Individuums gezeichnet, das in beiden Bereichen selbstbestimmt agiert, was dazu führt, dass sich auch die Gesellschaft pluralisiert und diversifiziert. Damit verändern sich auch Erfolgskriterien – es geht nicht um die Anpassung an eine bestehende Struktur, sondern um die Veränderung der Struktur oder zumindest die Fähigkeit, mit solchen, auch dramatischen Veränderungen umzugehen: „Wem es gelingt, aus dem, was andere verstört, einen Nutzen zu ziehen, und wer diesen Nutzen erklären kann, der ist im Zeitalter der Ideenwirtschaft gut aufgehoben.“

Auch hier können wir im Hintergrund Schumpeter hören und die Art, in der er den schöpferischen Unternehmer beschreibt:
„In der richtigen Wahl liegt ein wesentliches Kriterium seiner Befähigung [des Unternehmers; K.K.]. Der Vorgang ist nun nicht so zu denken, dass er alle die Möglichkeiten sorgfältig studiert und so zu einem exakten Resultate kommt. Sein Talent liegt vielmehr darin, daß sich ihm nur eine oder nur wenige darbieten und er an andere gar nicht denkt. Ganz von selbst und unbewusst und ohne sich über seine Gründe streng Rechenschaft zu geben, fasst er das und nur das an, was sich dann tatsächlich bewährt. […] Erstens fällt er die von einer unübersehbaren Anzahl verschiedener Momente, von denen manche überhaupt nicht genau gewertet werden können, abhängige richtige Entscheidung, ohne diese Momente erschöpfend zu untersuchen, as nur wenigen Leuten von ganz bestimmter Anlage möglich ist, und zweitens setzt er sich dann durch. […] Besonders wenn die Zeit drängt und gehandelt werden muss, ist es essentiell, das Richtige zu treffen ohne erschöpfende Untersuchung anderer Möglichkeiten.“


3. Diskurse demokratischer Politik


Ein weniger allgemein anerkanntes Merkmal des Kapitalismus als Privateigentum und freier Markt besteht darin, dass in diesem Wirtschaftssystem die Mehrzahl der Menschen ausgebeutet wird. Nichtsdestotrotz denke ich, dass diese Annahme durchaus plausibel ist, wenn wir uns etwa die Verteilung von Vermögen und Einkommen anschauen. Wobei sich allerdings der Kapitalismus in dieser Hinsicht nicht von anderen existierenden oder früher existenten Wirtschaftssystemen unterscheidet.

Interessant ist aber in diesem Zusammenhang, dass sich der Kapitalismus parallel zur Demokratie entwickelt hat. Und auch wenn vieles dafür spricht, dass keine real existierende Demokratie tatsächlich „Regierung durch das Volk“ bedeutet, so bietet dieses System doch mehr Möglichkeiten der Teilhabe an politischen Entscheidungen als andere politische Systeme. Seit Foucault wissen wir allerdings auch, dass Demokratie sich von anderen politischen Systemen nicht dadurch unterscheidet, dass sie den Bürger_innen mehr Freiheiten gibt, sondern dadurch, dass sie besser als andere Systeme in der Lage ist, die Bürger_innen dazu zu bringen, das zu wollen, was im Interesse der Aufrechterhaltung des Systems ist. Dieses Argument sollte nicht überstrapaziert werden, etwa im Sinne einer verschwörungstheoretischen Vorstellung einer Gedankenpolizei à la 1984, aber es erklärt doch sicher einiges, was ansonsten in der Politik unverständlich wäre.

Zugleich aber war es wohl aufgrund der demokratischen Struktur möglich, dass sich sozialdemokratische Vorstellungen zumindest für eine gewisse Periode durchgesetzt haben und ein Wohlfahrtsstaat geschaffen wurde, der Ausbeutung reduzierte und – in einem bestimmten Rahmen – mehr ökonomische Gleichheit erzeugte als die meisten Regime davor oder danach.

Doch genau diese Gleichheit – oder Gleichmacherei – steht derzeit ebenfalls im Kreuzfeuer der Kritik. Denn sie war und ist angeblich nicht nur wirtschaftlich problematisch, sondern beengt uns zugleich in unserer individuellen Entwicklung. Sie zwingt uns zu einem (Lohn-)Arbeitsleben, das persönlich unbefriedigend ist und nur dazu dient, das nötige Geld für eine Art des Konsums zu schaffen, der seinerseits in erster Linie der Erhaltung der Arbeitskraft und nicht unseren individuellen Bedürfnissen dient.

Im – grundlegend unauflöslichen – Spannungsfeld der demokratischen Werte Freiheit und Gleichheit, wird die Freiheit nun deutlich höher bewertet. Glaubt man den kreativen Revolutionär_innen, so kommt diese Freiheit (und das Fehlen von Gleichheit etwa in Bezug auf Verdienstmöglichkeiten oder Schutz vor den Wechselfällen des Lebens) nicht nur den wenigen besonders Tüchtigen oder besonders Kreativen zugute, sondern – mehr oder weniger – „uns allen“, da wir ja – siehe oben – alle kreativ sind und in dieser Kreativität nur durch Institutionen und Systeme behindert werden.

Nicht umsonst sage ich hier „uns allen“ und nicht „allen“. Denn diese Diskurse haben selbstverständlich Adressat_innen – und diese Adressat_innen sind heutzutage in erster Linie diejenigen, die sich selbst in irgendeiner Form als kreativ verstehen und Berufen ausüben, die auch in einer Außenbetrachtung so verstanden werden können. Während sich also der Diskurs über Vollbeschäftigung und Langzeitarbeitsplätze wesentlich an männliche, einheimische Facharbeiter richtete, richtet sich der Diskurs der creative_entrepreneurs an junge, dynamische und gut ausgebildete Menschen beiderlei Geschlechts, die in keiner Weise in ihrer Leistungsfähigkeit und Flexibilität eingeschränkt sind – etwa durch Krankheit, Versorgungspflichten oder die falsche Staatsbürgerschaft. In diesem Rahmen ist ein wenig Diversität durchaus gerne gesehen – etwa in Bezug auf Geschlecht, ethnische Herkunft oder sexuelle Orientierung. Individualität ist gemäß diesem Diskurs ein Vorteil, ja geradezu unverzichtbar im Wettbewerb.



4. Der Diskurs des Kunstfelds


Viele der – scheinbar – neuen Diskurse zu Arbeit, Gesellschaft und individueller Entwicklung lassen sich an sehr viel ältere Diskurse zu Kunst und Künstler_innen anschließen.

Da ist einmal die eigenartige Funktionslosigkeit der Kunst im kapitalistischen Wirtschaftssystem, die etwa zur Erfindung der wissenschaftlichen Disziplin „Kulturökonomie“ geführt hat, die sich in erster Linie um ökonomische Begründungen dafür bemüht, dass etwas, was auf dem Markt nicht oder nur selten reüssiert, trotzdem finanziert wird. Ich möchte jetzt auf diese Argumentationen nicht weiter eingehen, im Grunde laufen sie darauf hinaus, dass Kunst für die menschliche Entwicklung und/oder die Entwicklung der Gesellschaft wichtig ist, auch wenn sie nicht oder schlecht verkaufbar ist. In älteren philosophischen Schriften wird das etwa von Friedrich Schiller mit dem Spieltrieb des Menschen und der moralischen Bedeutung des Theaters argumentiert oder von Immanuel Kant mit der Bedeutung des interesselosen Wohlgefallens für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Auf diese Weise wurde das Kunstfeld ein Teil der Gesellschaft, der sich stets in Distanz von eben dieser Gesellschaft und ihrer Wirtschaftsordnung befindet, zugleich aber genau deshalb für Gesellschaft wichtig ist. Die Künstler_innen und ihr Publikum sind streng voneinander getrennt –die Künstler_innen befinden sich tendenziell außerhalb der Gesellschaft und bieten, aufgrund dieser Lebensform und Erfahrungen, Möglichkeiten für das Publikum, aus seinem „normalen“ Leben kurzfristig auszusteigen, um daraufhin in diesem normalen Leben umso besser zu funktionieren.

Im Diskurs über die kreative Wirtschaft hat sich der Diskurs des Kunstfelds verallgemeinert. Wir finden keine strenge Trennung zwischen Produzent_innen und Konsument_innen, sondern sind aufgerufen, in beiden Rollen kreativ und individuell zu handeln. Damit wird ein Menschenbild produziert, das in verallgemeinerter Form an das Bild des Geniekünstlers insbesondere des 19. Jahrhunderts anknüpft und zugleich Korrekturen dieses Bildes aus dem 20. und 21. Jahrhundert aufnimmt.

„Das Künstler-Subjekt, die Intellektuellen und Bohemiens sind spezifisch europäische Konstrukte. Erst seit dem 16. Jahrhundert wurde das Schöpferische, Kreative, Welt-Hervorbringende nicht länger nur als eine göttliche, sondern (auch) eine menschliche Fähigkeit verstanden und auf eine spezifische Produktionsweise bezogen, die intellektuelle und manuelle Fähigkeiten miteinander in Beziehung setzt und sich von rein handwerklichen Tätigkeiten unterscheidet. Der Begriff „Kreativität“ schließt in diesem Verständnis Reflexivität, die Kenntnis von Techniken und das Bewusstsein der Kontingenz des schöpferischen Prozesses ein. Im 18. Jahrhundert wurde Kreativität als zentrale Eigenschaft des Künstlers definiert, der als autonomer „Schöpfer“ die Welt immer wieder neu hervorbringen würde.“ (http://eipcp.net/transversal/0207/vonosten/de)

Zur Zeit seiner Erfindung diente der Geniekünstler als Rollenmodell des modernen Menschen, der als Schöpfer von Neuem und Eigenständigem zum Mittelpunkt seines eigenen Weltbilds wurde. Während dieses Weltbild für die meisten „normalen“ Bürger einen sehr abstrakten Horizont ihrer zunehmend durch ökonomische Erfordernisse bestimmten Lebenszusammenhänge darstellte, wurde es im „freien“ Künstler konkretisiert – und die (insbesondere materiellen) Kosten dieser Freiheit ließen es dann gar nicht so attraktiv erscheinen, diesem Modell tatsächlich nachzueifern. Der Künstler stand also für eine Möglichkeit, die für das Selbstbild der Moderne zentral war, und enthob damit den Großteil der Gesellschaft der Notwendigkeit, diese Möglichkeit tatsächlich zu realisieren (vgl. Creischer 1995).

Die Behauptung spezifischer Eigenschaften von KünstlerInnen, die angeboren und unveräußerlich sind und eine spezifische gesellschaftliche Position legitimieren, eröffnet den betroffenen Personen Freiheitsgrade im Handeln und begrenzt andererseits ihre gesellschaftliche Relevanz. Wenn künstlerisches Schaffen anders zu beurteilen ist als alle anderen gesellschaftlichen Tätigkeiten, dann bleibt es auch ohne konkrete Bedeutung für gesellschaftliche und politische Entwicklungen. Der Kunst wird ein Platz außerhalb des Gesellschaftlichen zugewiesen und dem/der KünstlerIn eine Stellung als "freischwebende Intellektuelle".

Kritik am Bild der autonomen Kunst und des Ausnahmesubjekts „Künstler“ wurde im Laufe des 20. und 21. Jahrhundert in unterschiedlicher Form geäußert und war Ansatzpunkt zu zentralen Entwicklungen im Bereich der Kunst und der Kunsttheorie. Ohne darauf genauer eingehen zu wollen, möchte ich hier nur auf Kunstströmungen verweisen, die das Konzept der Freiheit der Kunst zugunsten der gesellschaftlichen Relevanz von Kunst zurückweisen, also insbesondere auf Kunstprojekte mit politischem und/ oder sozialem Anspruch.

Im Bild der neuen kreativen Revolutionär_innen finden sich sowohl Teile des alten Modells des Geniekünstlers - sie schaffen aus sich selbst heraus, aufgrund ihrer angeborenen Kreativität - aber wir können hier auch letzte Spuren der Forderung nach gesellschaftlicher Relevanz der Kunst finden – allerdings in der reichlich reduzierten Version der ökonomischen Relevanz. Und zugleich verbindet sich der Geniekünstler mit dem schöpferischen Unternehmer von Schumpeter, der eher intuitiv als rational neue Geschäftsmöglichkeiten entwickelt.


5. Der Diskurs der Kreativwirtschaft


Wir haben jetzt gesehen, dass der Diskurs der Kreativwirtschaft nicht so neuartig ist, wie behauptet, sondern vielmehr diverse diskursive Stränge aufgreift und neu kombiniert – zu einem Bild der Ökonomie, aber auch des Menschen und der Gesellschaft. Das tatsächlich Neuartige besteht vielleicht darin, dass Rollenzuschreibungen für „Ausnahmemenschen“ – den Geniekünstler, den schöpferischen Unternehmer – zum Modell für eine gesamte Gesellschaft und alle ihre Mitglieder umgedeutet wird.

Eine solche Umdeutung erfolgt selbstverständlich nicht auf dem Reißbrett, sondern ist historisch voraussetzungsvoll. Sie beruht auf ökonomischen Entwicklungen, wie etwa den Grenzen möglichen quantitativen Wirtschaftswachstums aufgrund gesättigter Märkte und ökologischer Folgeerscheinungen. Sie beruht auf der Abkehr vom Modell des Wohlfahrtsstaates, die wiederum zahlreiche Ursachen hat, wie etwa die zunehmende Einschränkung staatlicher Macht insbesondere durch multinationale Konzerne, die Globalisierung von Wirtschaftsbeziehungen – die zugleich aber in steter Wechselwirkung mit der hier beschriebenen Veränderung von Gesellschaftsentwürfen steht.

In einer ebensolchen Wechselwirkung steht der Diskurs der Kreativwirtschaft mit den Wünschen und Bedürfnissen von denjenigen, die diese Kreativwirtschaft ausmachen, den creative entrepreneurs. Deren Lebensentwürfe bis zu einem gewissen Grad dem hegemonialen Diskurs entsprechen – keine Weisungsabhängigkeit, keine vorgeschriebenen Arbeitszeiten, keine strenge Trennung von Beruflichem und Privatem.

Und zugleich schließt der Diskurs der Kreativwirtschaft – wie jeder Diskurs – verschiedene Teile der Gesellschaft und Bedürfnisse von Individuen und Gruppen aus. Ebenso wie der Facharbeiter der 1970er ist auch der/ die creative entrepreneur der 2010er Angehörige/r einer Minderheit. Auch wenn Produktionsbetriebe in ihrer Bedeutung abnehmen, stellen sich doch noch immer einen wesentlichen Teil der Realwirtschaft dar. Gleiches gilt für die Landwirtschaft. Und auch die steigende Anzahl von Dienstleistungsunternehmen ist großteils nicht sinnvoll der Kreativwirtschaft zuzurechnen. Aber auch diverse Bedürfnisse und Probleme der creative entrepreneurs selbst finden in diesem Diskurs kaum Beachtung – etwa die mangelnde soziale Absicherung, die großteils problematischen Einkommensverhältnisse, die stark schwankenden Auslastungsquoten und ihre psychischen und physischen Folgen, die Schwierigkeit der Vereinbarkeit von Beruf und Sorgepflichten …


6. Ein Diskurs der Solidarität?


Wie allgemein bekannt ist, haben wir die Zeiten der großen Erzählungen und großen Gesellschaftsentwürfe längst hinter uns gelassen. Ein großer Gegenentwurf zum Diskurs der Kreativwirtschaft steht also nicht in Aussicht – unabhängig davon, ob wir das bedauerlich oder erfreulich finden. Aber ich denke, es wäre an der Zeit zur Dekonstruktion dieses Diskurses beizutragen und zur Rekonstruktion von Diskursen, die unseren Bedürfnissen besser entsprechen. Und ich würde vorschlagen, als Motto eines solchen Diskurses nicht die derzeit propagierte Freiheit und vielleicht auch nicht die davor populäre Gleichheit zu benutzen (auch wenn ich diese Werte nicht verlieren möchte), sondern uns auf den dritten Kampfbegriff der französischen Revolution zu stützen, die Brüderlichkeit – oder etwas geschlechtsneutraler formuliert, die Solidarität

Solidarität erfordert nicht gleiche Lebenssituationen und Lebensentwürfe der Beteiligten, wohl aber bis zu einem gewissen Grad gleiche Interessen – Solidarität ist ja nicht in erster Linie Sorge um andere, sondern Sorge um sich selbst und die anderen. Solche gemeinsame Interessen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen lassen sich aus insgesamt verschärften Ausbeutungsverhältnisse ableiten, die üblicherweise unter dem Begriff der Prekarität zusammengefasst werden.

Prekarität ist ein reichlich weiter Begriff und umfasst etwa die Lebenssituation von creative entrepreneurs, Zeitungsverkäufer_innen oder illegalen Erntearbeiter_innen. Daraus ergibt sich ein sehr zentrales gemeinsames Interesse nach angemessener sozialer Absicherung, z. B. in Form einer bedingungslosen Grundsicherung.

Prekarität hat aber natürlich viele Spielarten – und im Bereich der creative entrepreneurs etwa kommen zur sozialen Unsicherheit oft auch fehlende Informationen, Beratung oder auch persönliche Isolation. Zugleich allerdings entwickeln sich gerade Modelle der Kooperation, die vielleicht längerfristig zum Aufbau gemeinsamer Strukturen zur gegenseitigen Unterstützung führen.

Diese Modelle sind vielleicht nicht besonders kreativ und ganz sicher nicht revolutionär, sondern lehnen sich häufig ebenfalls an ältere Solidaritätsmodelle an, aber es lässt sich ja vielleicht auch noch Neues und Besseres entwickeln, wenn wir unsere Kreativität weniger der Wirtschaft und mehr unseren eigenen Bedürfnissen zur Verfügung stellen.